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075 Mojo Club

„Going Underground“ – getreu dem Schlachtruf der Mod-Band The Jam überlässt der Mojo Club den Spielbudenplatz dem Massen-Entertainment und bleibt (das Mojo Café im Erdgeschoss eines der Bürohäuser ausgenommen) bis zum Beginn der Nacht unsichtbar. Dann öffnen sich zwei mit dem berühmten Logo verzierte Bodenluken und die Wissenden steigen hinab in die Tiefe – was für eine symbolische Geste. Einmal eingetaucht in die Untergrundwelt auf zwei Ebenen verlieren die bis zu 800 Besucher rasch die Orientierung. Keine Schilder weisen zum Dancefloor, zur Garderobe oder den Toiletten. Die einen stört das Umherirren, die anderen erkennen die Chance, die in einem ziellosen Schweifen liegt: Man verliert sich in Raum und Klang, lernt Leute kennen. Im Kern jedoch wurde hier eine Ästhetik des Verzichts zelebriert; der Club nimmt sich zurück und wird zum ordnenden Hintergrund für das, was wirklich zählt: Musik, DJs, Bands und Tänzer. Das wird nirgends so offenbar wie im Allerheiligsten: Über zwei Etagen erstreckt sich der eindrucksvolle große runde Saal, der für die Tänzer einen schwimmend gelagerten Boden aus geölten Multiplexplatten bereit hält, für DJs und Bands eine große Bühne und für Zuschauer eine geschwungene Empore bietet. Mag Leif Nüske Vergleiche mit Opernhäusern wie der Scala ziehen – man kann diesen Saal auch als eine Reminiszenz an alte englische Ballsäle wie dem Wigan Casino lesen, in denen einst der Northern Soul zelebriert wurde. Das für einen Club ungewohnt helle und statische Licht, dass die Bewegungen der Tänzer gut erkennen lässt und der Kommunikation förderlich ist, passt bestens dazu. Die Rundform des Saals ist klug gewählt: Alles konzentriert sich nach innen, auf die Mitte – die Tänzer und Musiker stehen im Mittelpunkt.

Trotz viel Betons besitzt der Mojo eine warme, angenehme Atmosphäre – akustisch wie optisch. Dies ist dem Material Holz zuzuschreiben, dass nicht nur den Tanzboden bedeckt, sondern auch für Wandverkleidungen sowie raumhohe perforierte, drehbare Holzlamellen (Buche-Multiplexplatten mit Mineralwollefüllung) verwendet wird um den Raum zu strukturieren und den Schall zu dämpfen. Die zwei Barbereiche schmiegen sich dezent um den Dancefloor. Sie bestehen aus nicht viel mehr als monolithischen schweren Betonwerkplatten-Tresen, die elegant zwischen den Materialien Beton und Holz vermitteln. Nicht das kleinste Sponsoren- und Werbelogo stört den Purismus – welche Wohltat im Vergleich zum optischen Chaos anderer Amüsierbetriebe. Diese Liebe zum Detail durchzieht den ganzen Club und hört auch bei den zu einem weiteren Kreisrund angeordneten Unisex-Toiletten nicht auf, deren Türen das Thema der perforierten Holzlamellen weiterführen. Dennoch wirkt die Gestaltung des Interieurs an keiner Stelle überambitioniert oder angestrengt; Nonchalance und Lässigkeit sind Primärtugenden.

Adresse: Reeperbahn 1, 20359 Hamburg
Bauherr: Mojo Club Reeperbahn GmbH
Nutzfläche: 1720 m2
Leistungsphasen: 1-9
Fertigstellung: 2/2013
Mitarbeiter: Katja Behr, Saskia Kaufmann, Timo Büscher, Michael Albertshofer, Stephanie Meine, Max Becker
Fachingenieur: Akustikbüro Moll
Text: Claas Gefroi (Architekturjournalist)
Fotos: Oliver Helbig